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Angaben zum Forschungsprojekt

Entwicklung eines Prognosemodells zur Vorhersage des zukünftigen Reha-Bedarfs bei ausgewählten Diagnosegruppen (ProgReB)

Zusammenfassung
Welche Aufwendungen werden in Zukunft für die Rehabilitation geleistet werden müssen? Mit wie vielen Maßnahmen müssen wir in den kommenden Jahr(zehnt)en rechnen? Die jüngste Diskussion um die Deckelung des Reha-Budgets warf unausweichlich die Frage nach der zukünftigen Entwicklung und Finanzierbarkeit der medizinischen Rehabilitation auf. Bundesregierung, Rentenversicherung und Sozialverbände gehen unisono von einem steigenden Bedarf an Maßnahmen in den kommenden Jahren aus. Als Gründe werden genannt:
- der demographische Wandel und damit verbunden eine alternde Bevölkerung und Arbeitnehmerschaft mit der Folge einer Zunahme chronischer Erkrankungen
- die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre
- eine steigende Akzeptanz der Rehabilitation.

Sind diese Gründe allein determinierend für den künftigen Bedarf nach medizinischen Rehabilitationsleistungen? Wie lange wird der angenommene Mehrbedarf an Maßnahmen anhalten? Ab wann wird die Nachfrage wieder sinken? Diese Fragen zu beantworten stand im Zentrum der vorliegenden Untersuchung.

Mit der ProgReB-Studie wurden erstmals alle sichtbaren Einflussfaktoren auf die gegenwärtige und zukünftige Inanspruchnahme von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation erfasst und ihre Wirkrichtung als Risiko- oder protektive Faktoren analysiert.

Hierbei handelt sich um ganz unterschiedliche Parameter, die diagnoseassoziiert sein können, wie der Tabakkonsum oder das Übergewicht bei Erkrankungen des Herz- Kreislaufsystems. Oder um Einflüsse aus einer zunehmend dynamischer werdenden Arbeitswelt, die Normalarbeitsverhältnisse tendenziell in Richtung Ausnahme drängen, die steten Druck zu (arbeits-)lebenslanger Fortbildung und geografischer und berufsbezogener Flexibilität ausüben, Zeitnot und Entgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit, alles Kräfte, die bedrohend insbesondere für die psychische Gesundheit wirken mögen. Oder die Entwicklungen am Arbeitsmarkt, die einen direkten Einfluss auf die Inanspruchnahme von Rehabilitationsleistungen haben: Ein für die Arbeitnehmer günstiger Arbeitsmarkt bei guter konjunktureller Lage mit einer großen Nachfrage nach Arbeitskraft wird eher dazu anhalten, einen Antrag auf eine (subjektiv notwendige) Reha-Maßnahme zu stellen, als eine Arbeitsmarktsituation mit ungewisser und ungünstiger Beschäftigungslage, die manchen potenziellen Antragsteller aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz zu einem Verzicht auf eine Rehabilitation drängt.

Daneben haben politische Entscheidungen immer wieder direkten oder mittelbaren Einfluss auf die Fallzahlen in der Rehabilitation ausgeübt. Derer zwei seien hier beispielhaft genannt:
- Das Wachstums- und Beschäftigungsförderungsgesetz (WFG), das 1997 mehrere Einschränkungen in das Rehabilitationswesen einführte. So wurden die Gesamtmittel für Maßnahmen unabhängig von den Fallzahlen begrenzt, das Reha-Budget somit begründet. Die Zuzahlung für die Rehabilitanden wurde erhöht, die Dauer der Maßnahmen gleichzeitig von vier auf drei Wochen heruntergefahren und die Zeitspanne zwischen zwei Maßnahmen von drei auf vier Jahre gedehnt. Als Ergebnis dieser Bestimmungen und in Zusammenwirken mit einer für Beschäftigte ungünstigen Arbeitsmarktsituation waren deutlich weniger Anträge und Inanspruchnahmen von Rehabilitation zu verzeichnen.
- Aktueller sind es die Demografiestrategie der Bundesregierung (BMI, 2012) verbunden mit der bereits beschlossenen Erhöhung des Renteneintrittsalters und der damit verbundenen konsekutiven Zunahme des relativen Anteils älterer Arbeitnehmer bzw. der Beschäftigungsanteile älterer Arbeitnehmer in den nächsten Jahren, die zu mehr Rehabilitationsleistungen für ältere Arbeitnehmer führen werden. Seit 2005 hat sich die Quote der versicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer im Alter zwischen 60 und 64 Jahren von 14,9% auf 31,6% mehr als verdoppelt.

Die Entwicklung aller Einflussfaktoren ist mehr oder weniger gesicherten Annahmen unterworfen. Die noch bis vor kurzem als gut belegt geltenden Bevölkerungsprognosen von IT.NRW und dem Statistischen Bundesamt werden durch die jüngsten Migrationswellen gehörig durchgeschüttelt. Es ist unklar, wie sich die Flüchtlingsströme selbst in den nächsten Jahren entwickeln werden. Für die Berechnungen in dieser Studie wurden die Varianten mit Berücksichtigung einer "größeren" Zuwanderung genutzt. Damit besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, die "wahren" Werte der Bevölkerungsentwicklung abbilden zu können. Gleichwohl unterliegen die derzeitigen Annahmen einem Schwankungsrisiko eher nach oben als nach unten.

Die diagnoseassoziierten Wirkfaktoren lassen sich in ihren Ausprägungen, ob Risikofaktor oder protektiv, in der Regel eindeutig zuordnen. Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen sind anerkannte Risikofaktoren für gleich mehrere Diagnosehauptgruppen wie bspw. Herz-Kreislauferkrankungen oder Krankheiten des Atmungssystems. Ihre Vektoren weisen aber häufig in entgegengesetzte Richtungen. Während wir beim Tabakkonsum einen Rückgang gerade auch bei den besonders vulnerablen starken Rauchern verzeichnen und die körperliche Aktivität zunimmt, steigt die Zahl der Übergewichtigen - mit weiteren Komorbiditäten wie Hypertonie und Diabetes mellitus - seit vielen Jahren kontinuierlich an. Viele Risikofaktoren heben sich damit in ihren Wirkungen gegenseitig auf, bzw. können in ihrem Zusammenspiel nicht eindeutig gewertet werden. Im Kapitel 3 wird für jede Diagnosehauptgruppe eine solche Einschätzung vorgenommen.

Die geschilderten Faktoren einer dynamischen Arbeitswelt stehen zwar im Verdacht insbesondere die psychische Gesundheit zu bedrohen, die Prävalenzen von Depressionen und Angststörungen haben sie bislang jedoch nicht erhöht. Die Verweildauern bei psychischen Erkrankungen in den Akuthäusern sind ebenso gestiegen wie die AU-Zeiten im Gebiet der F-Diagnosen. Begründet wird dies mit einer zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz psychischer Erkrankungen und der daraus resultierenden vermehrten Diagnosestellungen. Ein eindeutiger Hinweis auf eine künftig vermehrte Inanspruchnahme von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.

Von der Entwicklung des Arbeitsmarktes wissen wir, dass sie die Neigung einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen, klar beeinflusst. Wir wissen hingegen nicht, wie der Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen wird. Nicht einmal für das kommende Jahr. Das belegen die Veröffentlichungen des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit) die in den letzten Jahren zu deutlich differierenden Voraussagen gelangten (siehe entsprechendes Kapitel). Die zukünftige Arbeitsmarktsituation stellt also einen derart volatilen Faktor dar, dass er nicht für die Berechnungen der Inanspruchnahmeprognose eingeschlossen werden kann.

Gerechnet wurden 2 Szenarien, wobei Variante 1 die voraussichtliche Inanspruchnahme von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation als mathematisches Produkt der Zellgröße der 5er-Altersgruppen aus den Bevölkerungsprognosen von IT.NRW und DESTATIS mit einer fortgeschriebenen konstanten Rehabilitationsquote in der Bevölkerung bis 2035 zeichnet. Variante 2 setzt ferner die Annahme, dass die Zahl der Rehabilitationsereignisse in den Altersgruppen ab 60 Jahren einer jährlichen Steigerung von 1% unterliegt.

Über alle Diagnosegruppen gerechnet, ist für Nordrhein-Westfalen nach Variante 1 ein Anstieg der Reha-Maßnahmen bis 2020 um 3,5% oder 7.400 Fälle von 208.800 in 2015 auf 216.180 zu erwarten. 2035 werden nur noch 192.273 Maßnahmen durchgeführt. Aus Kostensicht bedeutet das zunächst einen Anstieg um 20 Mio. EUR bis 2020 und einen anschließenden Rückgang gegenüber 2015 um 61 Mio. EUR. Für das gesamte Bundesgebiet steigen die Leistungen bis 2020 um 2% oder 19.700 Fälle, um dann bis 2035 um 13% gegenüber 2015 auf 928.139 Fälle zurückzugehen. Die Kosten steigen danach zunächst bis 2020 um 46,5 Mio. EUR um anschließend gegenüber 2035 um 353 Mio. zu sinken.

Variante 2 schiebt die Phase des Anstiegs der Leistungen in NRW bis 2030 hinaus mit Steigerungen von 5% respektive 10.200 Fällen in 2020 über 11.900 (5,7%) und 2,7% und 5.700 Fällen in 2030 jeweils im Vergleich mit 2015. 2035 wird in etwa das Ausgangsniveau erreicht. Die Kostensenkungen bei Variante 2 fallen in NRW mit 24 Mio. EUR in 2035 deutlich geringer aus. Darüber hinaus ist bei der Variante 2 bis 2030 mit Kostensteigerungen zu rechnen (2020 +28 Mio. EUR, 2025 +29 Mio. EUR, 2030 +6 Mio. EUR), die nach Variante 1 bereits 2025 auslaufen und mit +20 Mio. in 2020 und +9 Mio. in 2025 erheblich niedriger ausfallen.

Für das Bundesgebiet verschiebt Variante 2 die Phase des Anstiegs der Leistungen bis 2025 mit Steigerungen von 4,3% respektive 42.000 Fällen in 2020 und 26.400 (2,7%) jeweils im Vergleich mit 2015. Anschließend sinkt die Inanspruchnahme 5% unter den Wert von 2015. Die Kosten sinken bis 2035 um 200 Mio. EUR gegenüber 2015. Die Kostensenkungen setzen in Gesamtdeutschland bereits 2030 bei beiden Varianten ein. Bis dahin steigen die Ausgaben für Leistungen der medizinischen Rehabilitation um 46 Mio. EUR 2020 bei Variante 1 bzw. um 86 Mio. EUR bei Variante 2 und in 2025 um 30 Mio. EUR respektive um 46 Mio. EUR.
Bei der Variante 2 kommt der hohe Anteil älterer Rehabilitanden mit Neubildungen als bedeutender die voraussichtliche Inanspruchnahme erhöhender Faktor zum Tragen.

Je nach Szenario werden Fallzahlen und Kosten in NRW bis 2020 (Variante 1) bzw. bis 2030 (Variante 2) ansteigen um 2035 z. T. deutlich unter den Zahlen und Summe von 2015 zu liegen. Für das Bundesgebiet ist mit einem Anstieg bis 2020 respektive 2025 zu rechnen und einer Kostenersparnis im Jahr 2035 gegenüber 2015 von 353 Mio. EUR (Variante 1) bzw. 200 Mio. EUR nach Variante 2.

Der oben beschriebenen unvermeidlichen Limitierungen der Studie eingedenk, ist mit ProgReB ein umfassendes Zahlenwerk mit über 180 Abbildungen und Tabellen entstanden, das unter den gegebenen Voraussetzungen klare Hinweise für die Ressourcenplanung von Finanzen, Personal und Strukturen von Leistungserbringern und Leistungsträgern für die unterschiedlichen Diagnosegruppen bis 2035 liefern kann.



Beginn:

01.01.2013


Abschluss:

31.12.2014


Art:

Gefördertes Projekt


Kostenträger:


Verein zur Förderung der Rehabilitationsforschung e. V. Norderney



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO125759


Informationsstand: 15.12.2016