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Angaben zum Forschungsprojekt

Stottern und Beruf

Ausgangssituation:

Etwa 1% der Bevölkerung stottert, in Deutschland schätzungsweise 800.000 Menschen. Viele Stotternde beschreiben ihren beruflichen Werdegang als eine Art "Fahren mit angezogener Handbremse". Schon bei der Berufswahl bestehen große Unsicherheiten, in welche Richtung man gehen kann. Immer noch besteht das Vorurteil, dass Berufe mit hoher kommunikativer Anforderung nicht in Frage kommen. Gleichzeitig zeigt inzwischen die Erfahrung, dass sich Stotternde in (fast) allen Berufen finden und vieles möglich ist oder wird, was undenkbar schien. Trotzdem ist der berufliche Werdegang häufig erschwert oder wird zumindest so wahrgenommen. So wird die Bewerbungssituation nach Ausbildung oder Studium als große Hürde empfunden. Aber auch wenn der Berufseinstieg gelungen ist, bleiben Fragen, Unsicherheiten und ungenutzte Möglichkeiten.

Der Bedarf, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen ist groß, ist doch der überwiegende Anteil der Stotternden in irgendeiner Weise im Arbeitsprozess eingebunden oder möchte eingebunden sein. Aber bisher fehlt der systematische Zugang und teilweise das Knowhow, dieses Thema wirklich an zu gehen. Die BVSS will mit diesem Projekt den Anstoß geben, sich mutig, realistisch und selbstbewusst mit dem Thema zu beschäftigen.

Projektaufbau und -umsetzung:
Das Projekt "Stottern und Beruf" hat die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS) im Jahr 2012, unterstützt durch eine Unternehmensstiftung, begonnen. Nach einer ersten erfolgreichen Phase wurde es 2015 um weitere drei Jahre bis 2018 verlängert. Mit dem Projekt verfolgt die BVSS im Wesentlichen drei Ziele:
- Stärkung und Unterstützung stotternder Menschen in beruflichen Fragestellungen durch die Selbsthilfe
- Stärkung der Stotterer-Selbsthilfegruppen in ihrer Kompetenz auf dem Gebiet "Stottern und Beruf"
- Beseitigung von Hürden für stotternde Menschen im Arbeitsleben durch Abbau von Unwissenheit und Vorurteilen über Stottern

Zusammen mit den Landesverbänden und den Selbsthilfegruppen bezieht die BVSS alle Ebenen der Stotterer-Selbsthilfe in Deutschland ein. Die Ziele realisiert sie durch eine Reihe von Projektbausteinen:

(1) Multiplikatoren und lokale Veranstaltungen. In einmal jährlich stattfindenden Wochenendseminaren werden von den Landesverbänden entsandte Ehrenamtliche zu Multiplikatoren ausgebildet, die dann z.B. den Selbsthilfegruppen für lokale oder regionale Veranstaltungen (Infoabende, Workshops) zur Verfügung stehen. Das Thema "Stottern und Bewerbung" bildete den Schwerpunkt der ersten Phase. Neben inhaltlichen wurden in den Seminaren auch methodische Kompetenzen vermittelt.

(2) Mentoring. Hier vermittelt die BVSS direkte Kontakte zwischen ratsuchenden - meist jungen - Stotternden und berufserfahrenen Betroffenen, um berufsspezifische Fragestellungen zu klären. Zu diesem Zweck wurde ein Datenpool potentieller "Wegbegleiter" angelegt.

(3) Berufsorientierungsseminar. In 2016 führte die BVSS zum ersten Mal ein Berufsorientierungsseminar als Wochenendseminar für junge Stotternde zwischen 16 und 25 Jahren durch. Während klassische Berufsberatung häufig pauschal einen sprecharmen Beruf empfiehlt und dadurch die persönlichen Wünsche der jungen Menschen unberücksichtigt lässt, unterstützt die BVSS die Teilnehmer darin, zu einer realistischen und selbstbewussten Einschätzung ihrer beruflichen Möglichkeiten mit Stottern zu gelangen. Zusätzlich zum Fachreferenten stehen berufserfahrene Stotternde aus der Selbsthilfe zum Erfahrungsaustausch zur Verfügung.
In 2017 ist ein weiteres Berufsorientierungsseminar geplant.

(4) Beratung und Information. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle der BVSS beantworten Anfragen von direkt oder indirekt Betroffenen am Telefon und per E-Mail. Dabei geben sie konkrete Hinweise und Handlungsempfehlungen, schlagen Literatur zur weiteren eigenen Recherche vor oder vermitteln Ansprechpartner.

(5) Öffentlichkeitsarbeit. Der Flyer "Stotternde Menschen im Arbeitsleben" und die neu gestalteten Webseiten unter www.bvss.de/beruf bieten für Stotternde und Arbeitgeber zielgruppenspezifische Informationen über "Stottern und Beruf".

Mit dem Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit leitet die BVSS zur zweiten Phase des Projekts über. In dieser steht die Aufklärung und Information der "Arbeitgeberseite" (Personaler, Vorgesetzte, Kammern, Arbeitsvermittlung etc.) im Vordergrund. Diese Akteure werden gezielt angesprochen, um über Stottern zu informieren. Dies geschieht durch den Besuch von berufsrelevanten Messen, aber auch durch Schulungen, in denen Stotternde als Referenten von ihren Erfahrungen berichten.
Nähere Informationen zum Projekt "Stottern und Beruf" unter http://www.bvss.de



Bezug des Projekts zur internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF):
Der bio-psycho-soziale Ansatz der ICF bildet einen konzeptionellen Bezugsrahmen für das Projekt.



Beginn:

01.08.2012


Abschluss:

31.07.2018


Art:

Gefördertes Projekt


Kostenträger:


Vector Stiftung



Weitere Informationen


Referenznummer:

R/FO125756


Informationsstand: 22.10.2018